Thursday, November 24, 2005

Essay die Erste

Funktionalismus & Strukturfunktionalismus


2. Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

Zu Beginn möchte ich kurz auf den biografischen Hintergrund dieser zwei sehr bedeutenden Anthropologen eingehen, da dieser sie mit Sicherheit geprägt hat und sie zu zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten machte, welche aber auch einige Gemeinsamkeiten aufweisen.

Bronislaw Kasper Malinowski wurde 1884 im polnischen Krakau geboren. Stark inspiriert von zwei bekannten Persönlichkeiten, James Frazers und Wilhelm Wundts entschied er sich, nachdem er zuerst Mathematik und Naturwissenschaften studierte, für Ethnologie. 1914 nahm er an einer Expedition nach Neuguinea und Melanesien teil und erforschte in den darauf folgenden vier Jahren die Bevölkerung der Trobriand-Inseln im südwestlichen Pazifik. Weiters lehrte er an verschiedenen Universitäten, wobei er 1942 im US-amerikanischen New Haven verstarb.

Alfred Reginald Radcliffe – Brown wurde 1881 in Birmingham geboren. In seiner Jugend und Studiumsphase war er Vertreter des Anarchismus und aus diesem Grund wurde er von Freunden oft “Anarchy Brown“ genannt. [1] “He was known as Anarchy Brown in his college days for his enthusiasm for P’etr Kropotkin, ...”.

Weiters wäre zusagen, dass er Arbeiten zur Kultur vorindustrieller Völker begann aber auch die australischen Aborigines untersuchte. Radcliffe-Brown war Anhänger der Theorie Émile Durkheims und er gilt auch als einer der Ersten, der die strukturalistische Methode in die Anthropologie einführte. Außerdem machte er den Funktionalismus in der Sozialwissenschaft populär. Alfred Reginald Radcliffe – Brown verstarb 1955 in London.

Malinowski und Radcliffe-Brown sind die zwei klassischen Autoren der britischen Anthropologie, wobei sie auch sehr konträr gewesen sind, was auch in der Literatur stark zum Ausdruck kommt. Beide sind die Begründer der gegenwartsbezogenen Sozialwissenschaftlichen Anthropologie in Großbritannien, wobei sie vor allem die Richtungen des Funktionalismus und des Strukturfunktionalismus einführten. Beim Funktionalismus ist in erster Linie die Frage nach der Funktion bzw. dem Zweck eines bestimmten Phänomens wichtig.

Bronislaw Malinowski ist mehr der Theoretiker und für ihn ist besonders das “Hier und Jetzt” wichtig. Seiner Ansicht nach kann man ein bestimmtes Phänomen nicht mit der Frage nach der Geschichte erklären sondern nur mit der Frage nach seiner Funktion.

Die allererste Frage sollte deshalb immer die nach der Funktion sein und man muss Sachen aus der Gegenwart heraus erklären.

Er war ein sehr tatkräftiger und charismatischer Mensch wurde aber von vielen als besessener Egomane” bezeichnet, da er immer versuchte sich selbst zu vermarkten.

Malinowski bemühte sich sehr stark ein neues Fach zu gestalten und bekam unter anderem Anregungen von Boas und Musil, die ihn zu einer neuen Ansicht verhalfen. Und zwar nicht mehr vom Schreibtisch aus andere Kulturen zu untersuchen, sondern dass man in das Feld gehen, den Alltag mit leben und auch längere Zeit dort verbringen sollte um beispielsweise nicht ständig als Neuling” angesehen zu werden.

Als er nach seiner ersten großen Feldforschung sein Feldforschungstagebuch veröffentlichte, kritisierte man in sehr stark und bezeichnete ihn als Rassist und weiters schrieb man in den Medien auch, dass die Ethnologie eine rassistische Wissenschaft sei. Und dies alles nur weil Malinowski auch seine schlechten Erfahrungen veröffentliche und auch in schwierigen Zeiten seiner Feldforschung seine Gedanken und seine Meinung beschrieb. Wobei erwähnt werden muss, dass auch solche Situationen, wie Stress und Konflikte zu einer Feldforschung gehören.

Von diesem Zeitpunkt an etablierte sich eine neue Methode in der Anthropologie, die ethnologische Feldforschung, genauer gesagt, die teilnehmende Beobachtung.

Längere Zeit kam heftige Kritik von Seiten der Soziologen und Pädagogen, dass die Feldforschung keine Methode sei, da man nichts messen kann, man könne nichts quantitativ erheben und sie sei unethisch”. Heute jedoch ist sowohl die teilnehmende Beobachtung als auch die Feldforschung eine unverzichtbare und wertvolle Methode und das nicht nur in der Anthropologie. [2] “He set a standard for ethnographic data collection that is still largely unchallenged.”

Weiters wäre zu erwähnen dass Malinowski auch eine gute Komponente des schwachen Kulturrelativismus in sich trug, was man auch an der Auseinandersetzung mit Freud erkennen kann. Er setzte sich mit der Psychoanalyse Freuds auseinander und zeigt, dass der so genannte Ödipus Komplex nicht universell ist, da zum Beispiel die Gesellschaften auf den Trobriand Inseln matrilinear organisiert sind.

Eine weitere wichtige Ansicht Malinowskis ist die Theorie der so genannten “basic needs”.

Er ist der Meinung, dass eine Kultur aus mehreren Teilen besteht, wobei diese dazu dienen die so genannten “basic needs” der einzelnen Menschen zu befriedigen.

Alfred Reginald Radcliffe – Brown ist im Vergleich zu Malinowski mehr der Empiriker der beiden und auch er hatte einen starken Einfluss auf die Anthropologie, wobei er der Begründer des so genannten Strukturfunktionalismus ist.[3] “No living scholar has had so decisive an influence on the development of social anthropology as A.R.Radcliffe-Brown. As a teacher he is unrivalled; an his writings are ranked among the classics of anthropology.”

Erwähnenswert ist auf alle Fälle der starke Einfluss Emile Durkheims auf Radcliffe-Brown und dass er daher auch zum Teil an seine Theorie anknüpft.

Sein besonderes Interesse lag in der Frage, wie Gesellschaften ohne einen Staat bestehen können und welche Gesellschaften ohne Staat es überhaupt gibt. Er fand während seiner Beschäftigung mit diesem Thema faszinierende Beispiele, wie zum Beispiel die Jäger und Sammler, welche sich einer Kontrolle entziehen und somit auch ohne einen Staat, einer obersten Instanz, zu Recht kommen.

Weiters beschäftigte er sich dann damit, wie solche Gesellschaften funktionieren. Somit griff er das Bild Durkheims auf und vervollständigte es. Er führte den Begriff der „Segmentären Gesellschaft“ ein. Diese setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen, welche untereinander gleichwertig sind und sich gegenseitig in Schach halten. Aus diesem Grund benötigen diese Gesellschaften keine Zentralinstanz.

Werden die Konflikte innerhalb dieser Gesellschaft zu groß bildet sich wahrscheinlich zwar ein so genanntes „Häuptlingstum“, sonst bleiben diese Gruppen zueinander aber egalitär.

Jedoch wäre zu sagen, dass es innerhalb der einzelnen Gruppen dieser Gesellschaft schon eine Art Hierarchie gibt, beispielsweise zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Mann und Frau. Radcliffe-Brown bezeichnete dies als „Segmentäres Modell“.

Weiters war die Verwandtschaft ein sehr wichtiger Themenbereich für Brown, weil die Verwandtschaft ein Grundprinzip der sozialen Organisationen ist. Denn um zu wissen wie einfache aber auch komplexe Systeme organisiert sind braucht man seiner Meinung nach die Verwandtschaftssysteme.

Obwohl man sie auch als Rivalen bezeichnet, haben die beiden doch einiges gemeinsam.[4] „Despite their differences in emphasis, both british schools had a sociological concern in common, and tended to see social institutions as functional. Both distanced themselves from wide-ranging claims of diffusionism and evolutionism, and by the next generation of scholars, the influence of the two founding fathers may be said to have merged, …“.

Wie man sieht haben sowohl Bronislaw Malinowski als auch Radcliffe-Brown sehr viel zur Anthropologie beigetragen und werden nicht zu Unrecht als die Gründerväter unserer heutigen Anthropologie bezeichnet.

Referenzen:

[1] Barth, Frederik, 2005, 27

[2] Eriksen, 2001,15

[3] Barth, Frederik, 2005, 29

[4] Eriksen, 2001, 16

Quellen:

· Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman, 2005 „One discipline four Ways: British, German, French and American anthropology“

· Eriksen, Thomas Hylland, 2001, “Small Places, Large Issues”

· Barnard, Alan, 2000, „History and Theory of Anthropology”

· Wikipedia

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